COMOLOGNO

GESCHICHTE UND KUNST IN DEN GASSEN EINES DORFES IM OBEREN ONSERNONE-TAL

Comologno 1

COMOLOGNO, SEINE «STRECCE», PALÄSTE UND FRESKEN

Comologno (1438: Comolognium) ist ein Dorf im Bezirk Locarno auf 1085 m ü. M., 26 km von Locarno entfernt. Seit 2016 bildet es zusammen mit allen anderen Dörfern des Tals die Gemeinde Onsernone. Seine historischen Ortsteile sind Vocaglia, Corbella, Cappellino und Spruga, das letzte Dorf vor der Grenze zu Italien, die bei der Ortschaft Bagni di Craveggia liegt. Die Bevölkerung wuchs von 182 Einwohnern im Jahr 1719 auf 253 im Jahr 1795, 333 im Jahr 1808, 440 im Jahr 1850, 624 im Jahr 1900, sank auf 477 im Jahr 1950, 281 im Jahr 1960, 142 im Jahr 1990 und 92 im Jahr 2023. Während des Ancien Régime bildete es, zusammen mit den übrigen Dörfern, die Gemeinde Onsernone, genannt Comun Grande, mittelalterli­chen Ursprungs. Mit der Gründung des Kantons Tessin erlangte es 1803 seine Autonomie. Die Pfarrei wurde 1715 errichtet. Nach einer Phase des demografischen Wachstums, die mit der Entstehung und Entwicklung der Strohproduktion zusammenfiel, erlebte das Dorf eine fortschreitende Entvölkerung, auch aufgrund des Rückgangs der agro-pastoralen Akti­vitäten und der Verarbeitung von Roggenstroh. Die im 18. Jh. von Mitgliedern der Familie Remonda erbauten Paläste, die durch den Handel in Frankreich reich wurden, sind Zeugen einer geglückten Auswanderung: Unter diesen sticht der Palazzo oder Castello della Barca hervor, der während der Entstehung der italienischen und deutschen Diktaturen in Europa zu einem Zufluchtsort für bedeutende antifaschistische Intellektuelle wurde. Gegenüber von Comologno, nach Norden ausgerichtet, befindet sich ein ausgedehntes, 2002 errichtetes Waldreservat, dessen Empfangszentrum sich auf dem Dorfplatz befindet, der mit einer Reihe von Wandfresken von Tessiner Künstlern geschmückt ist.

(Quelle: Vasco Gamboni: «Comologno», Historisches Lexikon der Schweiz hls-dhs-dss.ch/de/)

Comologno 2
Comologno 3
Comologno 4
Comologno 5
Comologno 6
Comologno 7
Comologno 8
Comologno 9

1 DIE KIRCHE UND DER GLOCKENTURM

Die Grundsteinlegung für den Bau der Kirche San Giovanni Battista, die im Laufe der Zeit mehrmals erweitert wurde, soll 1688 stattgefunden haben, ausgehend von einem einfachen, bereits bestehenden Oratorium. Die Pfarrei wurde 1715 von der Gemeinde Russo unabhängig, als mit dem Bau des Glockenturms begonnen wurde, der 1720 endgültig errichtet wurde. Im oberen Teil erinnert er an den französisch-bretonischen Stil und zeugt von den engen Kon­takten, die die Auswanderer von Comologno in Frankreich mit ihrem Herkunftsort pflegten.

Bemerkenswert sind im Inneren die fünf Altäre mit kostbaren Scagliola-Fronten (Stuckmarmor-Antependien), die 1773 und 1774 von G.M. Pancaldi aus Ascona geschaffen wurden. Von bemerkenswerter Bedeutung sind auch zwei grosse Gemälde; das erste zeigt eine Pietà, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts von einem nach Frankreich ausgewanderten Remonda gestiftet wurde, während das andere aus dem 19. Jahrhundert die Enthauptung von Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der Kirche, darstellt. Auf den Gewölben des Presbyteriums malte G.S. Meletta im Jahre 1908 die vier Evangelisten.

Comologno 10
Comologno 11

2 DIE TOTENKAPELLE, DER KIRCHHOF UND DAS FRIEDHOFSKREUZ

Die Totenkapelle (Beinhaus) mit quadratischer Struktur und einem kleinen Portikus mit drei kleinen Spannweiten wurde 1805 nach einem Entwurf eines Wohltäters, Remonda, erbaut, der nach Frankreich, nach Auxerre, ausgewandert war. Der Kirchhof diente bis 1860, als der heutige Friedhof errichtet wurde, als Grabfeld. Gegenüber dem Beinhaus, in der Mitte des Kirchhofes, erhebt sich ein schlanker Friedhofs-Obelisk mit einem schönen schmiedeeisernen Kreuz. Die Säule ruht auf einer Stütze mit drei Stufen, auf der sich ein rechteckiger Felsbrocken erhebt, der mit eingravierten geometrischen Mustern verziert ist. Der Obelisk ist nicht datiert, fügt sich aber in das Panorama der Friedhofskreuze aus dem 18. Jahrhundert ein, die im Voral­pen- und Alpenraum weit verbreitet sind.

3 DER KREUZWEG

Die 14 «Stationen» des Kreuzwegs sind in einem Dreieck um den Friedhof angeordnet, der sich auf dem steilen Gelände unterhalb der Kirche befindet. Der Baubeginn geht auf die Jahre 1740-50 zurück: 1772 wurden die Hauptkapellen von einem Borgnis aus Craveggia im Vigezzo-tal mit Fresken versehen. Ein Dokument aus dem Jahr 1828 hebt hervor, dass die Gemeinde die Sanierung als dringend erachtete, da die Kapellen leider aufgrund allgemeiner Vernachläs­sigung zerfallen waren: 1835 war der Kreuzweg Gegenstand einer ersten Mauer- und Gemäl­desanierung, die lokalen Handwerkern und anderen Malern aus Vigezzo anvertraut wurde. In den Gewölben der drei Hauptkapellen sind noch Gemälde aus dem 18. Jahrhundert erhalten, während die anderen 1952 durch den Ersatz der alten Fresken geschaffen wurden, die fast voll­ständig verschwunden und unwiederbringlich durch Witterungseinflüsse beschädigt wurden. Ein örtliches Komitee beschloss, mit der Restaurierung der Mauern fortzufahren, und forderte vier bekannte Tessiner Künstler auf, sie neu zu bemalen. Jene schlossen sich dann zu einer Gruppe zusammen, die sich «I pittori della Barca» nannte: Emilio Maria Beretta, Mario Marioni, Piero Salati und Alberto Salvioni. Die neuen Fresken von 1952 gaben dann den Startschuss für weitere Gemälde, die noch heute die Häuser und den Dorfplatz schmücken. Der Kreuzweg, der zusammen mit dem Palazzo della Barca und dem darunter liegenden Palazzo di Sotto ein im kantonalen Inventar der Kulturgüter eingetragenes Denkmal darstellt, erfuhr zwischen 2015 und 2017 eine weitere umfassende Wand- und Bildrestaurierung.

Comologno 12
Comologno 13
Comologno 14
Comologno 15

4 DER PALAZZO DI SOTTO

Es handelt sich um ein imposantes Herrschaftshaus, das 1767 von Carlo Francesco Remonda, einem Kaufmann «en draps et soie» in Bourges, Frankreich, errichtet wurde. An der Südseite des Steindachs befindet sich ein Glockentürmchen mit einer 1766 gegossenen Glocke. An der Stelle, an der sich heute der Palast befindet, stand bereits ein Haus, in dem der Namensgeber Carlo Francesco Remonda, der 1762 ein napoleonischer General wurde, geboren wurde. Die Überlieferung berichtet von den häufigen Streitigkeiten des Erbauers mit seinem Neffen Guglielmo, der den Palast seines Onkels beleidigend als «une cochonnerie» (eine Sauerei) bezeichnete und daraufhin 1770 einen eigenen Palast mit dem Namen «della Barca» errichten liess. Als Antwort darauf liess Carlo Guglielmo die unten abgebildeten Inschriften auf die Südwand seines Palastes malen.

Comologno 16

5 DER PALAZZO DELLA BARCA

Der imposanteste und herrschaftlichste Palast «im französischen Stil» des Dorfes Comologno besticht durch seine Eleganz, die Grösse seines Glockentürmchens und durch den weitläufigen Garten, der von einer mächtigen hohen Mauer getragen wird. Der ursprünglich «Palazzo di Sopra» genannte Bau wurde 1770 von Guglielmo Antonio Maria Remonda erbaut, der eben­falls Textilhändler in Bourges in Frankreich war. Nach seiner Rückkehr in die Heimat investierte er einen Teil seines Reichtums in Kirchen, Schulen und Initiativen zugunsten der Bevölkerung. Im Inneren sind der mit Holzintarsien verkleidete Saal und die Bibliothek von besonderem Wert. Der Überlieferung nach entstand das Vermögen der Familie aus dem Kauf von drei zur Versteigerung stehenden Schiffen, deren Zeit der erwarteten Rückkehr aus Amerika abgelau­fen war. Eines davon sollte in den Hafen zurückkehren und der Verkauf des Schiffes und sei­ner reichen Ladung sollte den Grundstein für das Vermögen dieser Familie legen. Aus dieser Tatsache leitet sich der besondere Name des Palastes ab, der bis in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts dauerhaft bewohnt war, als er an einen Genfer Antiquar verkauft wurde. Im Jahr 1927 ging das Anwesen in den Besitz des Ehepaars Aline Ducommun-Valangin (1889-1986) und Wladimir Rosenbaum (1894-1984) über, die während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Intellektuelle beherbergten, die vor dem Faschismus und Nationalsozialismus flohen, darun­ter Ignazio Silone, Gaetano Salvemini, Ernesto Rossi, Kurt Tucholsky, Ernesto Bonaiuti, Elias Canetti, Max Terpis, Wladimir Vogel, Jean Paul Samson und andere. 1953 wurde er von den Brüdern Attilio und Rubino Mordasini, aus Spruga stammend, gekauft: Heute ist er Eigentum ihrer Erben.

Comologno 17
Comologno 18
Comologno 19
Wladimir Rosenbaum mit dem italienischen antifaschistischen Schriftsteller Ignazio Silone.

6 DER PALAZZO GAMBONI

Er wird auch «Palázz del Pedruiácum» genannt und wurde um 1730 von Remigio Gambonino erbaut, der mit den Remonda der Barca verwandt war und als Kaufmann in Frankreich zu Reichtum kam. Er gehörte später Pietro Giacomo Gamboni, einem Unternehmer in der Westschweiz, und ging dann in den Besitz seines Sohnes Lindoro und seines Enkels Ettore über. Heute befindet er sich im Besitz des lokalen Patriziats, das ihn 1998 erwarb und dank einer beispielhaften konservativen Restaurierung, bei der sowohl die äusseren als auch die ursprünglichen Innenmerkmale des 18. Jahrhunderts mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus dem frühen 20. Jahrhundert bewahrt wurden, in ein kleines Hotel umgewandelt hat. Es wurde in die Kette «Swiss Historic Hotels» aufgenommen und ist eng mit der Osteria Palazign verbunden.

Comologno 20
Comologno 21

7 DER PALAZZO DI CIMA

Der «Palazzo di Cima» ist das Gebäude, das sich an der höchsten und nördlichsten Stelle des Dorfes befindet, in der Nähe der Felswand, die das Dorf überragt und «al Sass» genannt wird. Er wurde um 1767 (oder vielleicht 1777, wie immer noch an der Fassade geschrieben steht) von Pietro Antonio Remonda, dem Bruder von Carlo Francesco, dem Erbauer des Palazzo di Sotto, erbaut. Der mittlere Teil wurde im zwanzigsten Jahrhundert umgebaut, wobei die ursprünglichen Merkmale des achtzehnten Jahrhunderts verändert wurden. Er wurde 1914, 1935 und zuletzt 2022 renoviert. Aussergewöhnlich und elegant sind die Arkaden in den Ober­geschossen und das zentral gelegene Treppenhaus (charakteristisch für die Herrschaftshäuser der damaligen Zeit).

Comologno 22

8 DER PALAZZO DEI REMONDA MINORI

Der Palast mit Blick auf den Dorfplatz wurde 1770 erbaut und zeichnet sich durch zwei Stockwerke und zwei Loggien mit Bögen aus. In den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde er renoviert, insbesondere an den Fassaden und mit dem Zusatz von zwei schmiedeeisernen Balkonen, die sein ursprüngliches Aussehen veränderten.

9 DER MONOLITHISCHE BRUNNEN

Das Becken dieses Brunnens aus dem Jahr 1771 ist beeindruckend. Es ist 250 cm lang, 84 cm breit und 55 cm hoch und wurde aus einem einzigen Steinblock gefertigt. Das Wasser stammt aus einer mehr als 200 Meter entfernten Fassung und gelangt in Steinkanälen, die mit grossen Platten bedeckt sind, zum Brunnen. Vor dem Bau der modernen Wasserversorgung im Jahr 1933 gab es im Dorf Comologno nur zwei Brunnen, und dieser war der grössere. Gemäss Überlieferung wurde das grosse monolithische Becken aus einem riesigen Felsbrocken gewonnen, der sich bereits an dieser Stelle befand, und später mit einer Dachkonstruktion gedeckt wurde. Letztere wurde 1972 anlässlich der Verbreiterung der Kantonsstrasse komplett renoviert. Über dem Becken prangt eine Glas- und Betonkomposition des Künstlers Emilio Rissone.

Comologno 23

COMOLOGNO UND SPRUGA GENIESSEN

In Comologno gibt es nichts Faszinierenderes als einen Spaziergang durch die Gassen (i strecc) zwischen den Häusern mit den typischen, nach Süden ausgerichteten Balkonen, auf denen einst Roggenstroh getrocknet wurde. Nicht entgehen lassen darf man sich einen Ausflug in die Zauberwelt des Waldreservats. Oder einen Abstecher in die Berge, auf den Spuren der Bergbauern, Holzfäller und Schmuggler: Hinauf zur Alp und zur Saleihütte, wo man lokale Produkte und eine Erfrischung geniessen kann, bevor man zum gleichnamigen See aufsteigt, eine kleine Perle mit intensivem Blau, oder auf den Gipfel des Pizzo Zucchero, um sich auf einer Schaukel in 1900 m ü. M. zu vergnügen! Nach dem hübschen Abstecher zur Alp Pesced folgt der Abstieg durch einen herrlichen Lärchenwald hinunter nach Spruga. Auch ein Besuch der Craveggia-Bäder darf nicht fehlen, wo man sich in kostbarem, lauwarmem Thermalwasser entspannen kann.

Comologno 24
Comologno 25

DAS WALDRESERVAT

Das 2002 gegründete Naturwaldreservat Onsernone ist mit seinen 789 Hektar eines der grössten im Kanton Tessin und erstreckt sich von 640 m ü. M. des Flusses Isorno bis auf 1760 m ü. M. Völlig frei von Telefon- und Hochspannungsleitungen, von Fahrstrassen und mit äusserst wenigen Gebäuden ist das Reservat eine wilde Welt, die sich auf völlig autonome und natürliche Weise entwickelt. Es zeichnet sich durch einen ganz besonders abwechslungsreichen Wald mit Fichten, Buchen, Lärchen aus sowie durch einen bedeutenden Weisstannenbestand (abies alba). Das Empfangs- und Informationszentrum befindet sich im Erdgeschoss des Rathauses auf dem Dorfplatz.

Comologno 26
Comologno 27

COMOLOGNO EMPFÄNGT SIE

Es gibt nichts Besseres, als im historischen Palazzo Gamboni zu übernachten, einem Hotel, in dem man die faszinierende Atmosphäre vergangener Tage erleben kann. Nicht weit entfernt befindet sich die «Osteria Palazign», ein kleines und charmantes Restaurant, wo man die Spezialitäten des Tessins und des Onsernone-Tals probieren kann. Hier wird das Menü mit Halb-pension für die Gäste des Palastes und auch eine Auswahl «à la carte» angeboten. Im Erdgeschoss, im grossen eindrucksvollen Saal, kann man jederzeit Wurstwaren und Käse aus dem Tal mit einem guten Glas Wein geniessen.

Comologno 28
Comologno 29
http://www.palazzogamboni.ch

MUSEO ONSERNONESE

Das 1966 gegründete Museo Onsernonese befindet sich in der Casa De Giorgi im Zentrum des Dorfes Loco, direkt an der Kantonsstrasse. Eine Dauerausstellung, thematische Ausstellungen, Veröffentlichungen und Forschungsarbeiten erschliessen die Geschichte des Onsernone-Tals von den Anfängen bis zur Gegenwart. Nicht weit entfernt lässt sich auch die Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert und die Ausstellung über Geschichte und Techniken der Mühlen von Onsernone besuchen.

Comologno 30
www.museonsernonese.ch